Die VW-Aktie als Spiegelbild eines gescheiterten Systems
Was derzeit mit der VW-Aktie passiert, sorgt selbst bei den “alten Hasen” am Börsenpakett für Erstaunen: Mit atemberaubenden Kurssprüngen setzt sie die Gesetze des Aktienhandels außer Kraft, wird mal eben von heute auf morgen zum mit Abstand wertvollsten deutschen Unternehmen und hebt den Dax Herkules-gleich alleine aus dem Sumpf. Diese Entwicklung und die Meldungen, die sie begleiten, halten uns einen Spiegel vor: Wir halten an einem System fest, das gescheitert ist.
Die Financial Times Deutschland bietet einen grundsätzlich sehr informativen Krisen-Ticker an. Doch heute morgen hat sie den Vogel abgeschossen. Nach einer Kursexplosion am Vortag (Kursgewinn mehr als 146% – an einem Tag!) weiß sie am folgenden Morgen zu berichten: “Die Aktie von VW rauscht nach dem Kursgewinn vom Vortag in den Keller und markiert ein Minus von knapp vier Prozent.”
Wo der Keller bei vier Prozent Minus sein soll, nachdem sich die Aktie am Vortag multipliziert hat, ist mir ein Rätsel. Warum sich die VW-Aktie überhaupt so unnatürlich verhält, hat der Spiegel recht treffend analysiert: Leerverkäufe, also die Spekulation mit Aktien, die man gar nicht hat, gepaart mit zu wenigen Aktien am Markt und einem Großeinkauf von VW-Aktien durch Porsche, führte zum beeindruckenden, raketenhaften Anstieg des Kurses.
Mit dem aktuellen Kursplus von heute (10:00 Uhr: 958 €, + 103,40% heute) ist VW teurer als alle amerikanischen und europäischen Autobauer zusammen und hat sogar Exxon als teuerstes Unternehmen der Welt zeitweise überholt, eine Entwicklung, die selbst dem VW- und Porsche-Management zu schaffen machen wird. Denn sollte sich der Wert über einen längeren Zeitraum auf diesem Niveau halten, verliert man neben der Glaubwürdigkeit evtl. auch die Mitgliedschaft im Deutschen Leitindex DAX, der heute mal eben schnell 7% zulegt, obwohl nur 3 Werte im Plus liegen (davon 2 nur ganz knapp). Die Deutsche Börse wird wohl kaum daran interessiert sein, dass sich dieses Spiel fortsetzt, denn damit verkommt ein wichtiger Marktplatz zum scheinbaren Zockerparadies. Wie Porsche den astronomisch gestiegenen Wert in seine Bilanzen bringt, dürfte ein Kapitel für sich sein, doch so weit wird es nicht kommen – schon bald werden diejenigen, die jetzt mit auf den weiteren Anstieg wetten, ebenso draufzahlen wie die Hedgefonds, die auf fallende VW-Kurse gesetzt haben.
Natürlich spielen bei der Volkswagen-Aktie viele verschiedene Faktoren zusammen. Auch das Umfeld begünstigt die Achterbahnfahrt. Doch man kann darin auch die Absurdität unseres Systems erkennen: Ein Unternehmen mit Wert X hat innerhalb von 2 Tagen spekulationsbedingt Wert 4 x X, obwohl das Unternehmen das selbe ist. So verhielt es sich bei Konzernen, Rohstoffen und Währungen. Die Hop on-Hop off-Mentalität der Finanzbranche hat sich durch die Finanzkrise nicht geändert. Weiterhin wird “auf Teufel komm raus” spekuliert und riskiert. Es würde mich nicht wundern, wenn alleine die VW-Kursentwicklung der letzten Tage einige Großinsolvenzen von Fondsgesellschaften oder sogar Banken nach sich zieht, deren misslungener Casinobesuch von uns Steuerzahlern aufzufangen ist.
Dieses Spiel geht weiter, so lange es die Möglichkeit dazu gibt. Auf ein Einsehen der Marktteilnehmer zu hoffen, ist sinnlos. Ich fordere einschneidende Maßnahmen für den Kapitalmarkt, die schnellstmöglich umgesetzt werden müssen, um den totalen Kollaps zu verhindern:
- Verbot jeglichen Hedgings (Absichern von Kursbewegungen)
- gänzliches Verbot von Short Selling (Spekulieren auf fallende Kurse)
- gänzliches Verbot von Optionen, Zertifikaten und derivativen Produkten, die abstrakt und losgelöst vom Basiswert gehandelt werden können, bzw. Verpflichtung zur vollständigen physischen Hinterlegung der Basiswerte durch die emmitierende Bank
- Einführung der Tobin-Steuer zur Beschränkung des Devisenhandels
- Totale Offenlegungspflicht sämtlicher Transaktionen am Kapitalmarkt
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