Dunkle Schatten am Konjunktur-Horizont!
1. September 2009 | Von Mag. J. Fischler | Diesen Artikel kommentierenImmer öfter ist derzeit von Umschwung, Aufschwung und wirtschaftlicher Erholung die Rede. Wir hätten das Gröbste überstanden, und 2010 werde die Wirtschaft sorgar schon wieder wachsen. Die steigenden Börsenkurse sollen das bestätigen. Also alles “Friede, Freude, Eierkuchen”? Ich behaupte: Mitnichten! Noch im vierten Quartal 2009 werden wir die Krise sehr deutlich zu spüren bekommen – und neue Tiefststände werden 2010 erreicht werden.
Wer conserio.at schon länger verfolgt und meine Meinungen und Ansichten bei seinen Entscheidungen berücksichtigt, dürfte die Krise bisher recht gut überstanden haben. Ich warnte frühzeitig vor deren Eintreten, und der Ausblick zum 31.12.2007 traf wohl den Nagel auf den Kopf. Ein wenig später gelang mir die “Punktlandung”, den globalen Höhepunkt der Luftfahrt wie auch deren baldige Krise vorherzusagen. Wer conserio im Jahr 2008 las, konnte eine ruhige Zwischenphase zur Krisenvorbereitung nutzen und bekam auch den Tipp, flüssiges Geld noch schnell am gebundenen Sparbuch mit Fixzinsen zu parken, bevor die Zinsen ins Bodenlose fielen. Zusammenfassend könnte man also sagen, ich habe bisher ein gutes Gespür für die Krise und deren Entwicklung gehabt.
In der umfassenden Analyse “Wer ist schuld an der Krise, und was sollte man tun?” nahm ich ausführlich zu den Herausforderungen Stellung und schrieb über radikale Lösungsvorschläge wie die Tobin-Steuer, den Verbot derivativer Finanzinstrumente (Optionen, Zertifikate, …), Goldstandard und starke, aber vor allem einfache und unbürokratische Förderung der Kleinunternehmer.
“Es muss sich was ändern” war zu dieser Zeit auch von unseren Politikern zu hören. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel stieß mutig vor und sprach von fehlender Demut des Finanzsystems. Man rettete Banken mit Milliardenspritzen und kündigte die neue Weltordnung des Finanzapparats an. Taten blieben ebenso aus wie die offensichtlich erwartete Dankbarkeit der Hochfinanz. Die mutigen Schritte zur Konjunkturstabilisierung griffen, und man hatte das Gefühl, diesmal würde sich wirklich etwas tun, ein Schritt in eine bessere und weniger von Gier geprägte Zukunft.
Und dann begannen die Börsenkurse wieder zu steigen.
Seit Beginn 2009 sehen wir nun das andere Extrem: Wer rechtzeitig – am Tiefstpunkt – Aktien kaufte, kann sich heuer über satte Gewinne freuen. Und je höher die Kurse steigen, desto weniger ist von Krise und ungelösten Problemen die Rede. Jetzt werden die Konjunkturfahnen wieder geschwenkt, allen voran verbreitet die Wirtschaftskammer nach Kräften Optimismus. Die steigende Arbeitslosigkeit scheint in der aktuellen Euphorie niemanden mehr zu stören.
In Österreich sind im zeitlichen Umfeld der Weltwirtschaftskrise vor allem zwei Veränderungen zu spüren: Das Ende der Fremdwährungskredite (und damit das Ende diverser Finanzheinis), sowie das Fallen des Bankgeheimnisses, wogegen sich Österreichs Politik noch nach Kräften stemmt. Beide Veränderungen sind unwichtig und ungeeignet, die Krise zu bekämpfen: Fremdwährungskredite haben mit der Krise nichts zu tun und lenken vom Thema ab. Dasselbe gilt für das Bankgeheimnis, welches im Grunde nur dafür sorgt, dass heimische Banken ungerechtfertigte Gewinne mit Geldern machen, die eigentlich im Ausland versteuert gehören. Im Hinblick auf das Krisenmanagement gibt es von mir eine glatte 5 – Nicht Genügend! Alle aktuellen Diskussionen sind bestenfalls geeignet, ein Sommerloch zu stopfen, aber nicht die Krise nachhaltig zu bekämpfen.
Was stimmt mich nun so pessimistisch für die nähere Zukunft? Lassen Sie mich einen bildhaften Vergleich heranziehen: Man kann einen Karren, der gegen die Wand gefahren wurde, zwar noch anschieben – von selber fährt er aber keinen Meter mehr. Tatsächlich ist das globale Finanzsystem derzeit nicht lebensfähig. Nach wie vor ist das System geprägt von fehlender Kontrolle und unendlicher Gier – vom Kleinanleger bis zum institutionellen Investor scheint nach wie vor die Überzeugung vorzuherrschen, man könne aus Luft Geld machen. Wir haben unsere Hausaufgaben nicht einmal ansatzweise erledigt. Wir diskutieren über Nebenschauplätze wie die Boni und Gehälter von Bankenmanagern, während die eigentlichen Probleme des Systems unangetastet bleiben. Gleichzeitig explodiert die Staatsverschuldung so gut wie aller Länder, und sollte die Wirtschaft tatsächlich wieder anrollen, wird sie von der Inflation wieder zurück an den Start gedrückt.
Seien Sie sich sicher: Die Spekulation, welche die Finanzkrise auslöste, wird weiterhin betrieben, ohne dass es eine Kontrolle gäbe. Man hat nichts gelernt. Nein, falsch: Man hat gelernt, dass einem nichts passieren kann – verspekuliert man sich, wird man einfach mit Steuergeldern gerettet. Diese Geschichte wird sich fortsetzen, Blasen werden sich wieder bilden und zerplatzen, und vermutlich in immer kürzeren und wahnwitzigeren Zick-Zack-Kursen. Nach wie vor ist es meine Prognose: Vor nicht der letzte Anleger die Lust an der Gier verloren hat, haben wir das Tal nicht gesehen. Und das kann noch sehr, sehr lange dauern. Alles in allem wird die Politik zu schwach sein, die mächtige Finanzindustrie in entsprechende, nachhaltig gesunde Bahnen zu lenken.
Und so schließe ich mit meiner nächsten Krisen-Prognose: Wir werden noch 2009 einen Einbruch sehen, und ebenso halte ich neue Tiefststände an allen Märkten im Jahr 2010 für möglich. Hätte ich in der jetzigen Aufschwungphase Geld gewonnen, würde ich meine Schäfchen schnell ins Trockene bringen. Denn die Symptome der nicht auskurierten Weltwirtschaftkrise werden wieder auftauchen … und die Geschichte geht weiter.

